Fellen

An den drei Verkehrsachsen Rheinstrom, Bahn und Bundesstraße liegt die Siedlung Fellen – eigentlich „zu den Feldern". Ihren Ursprung hat sie in der Blei- und Zinkgrube „Gute Hoffnung-Prinzenstein" im Brandswald, deren Geschichte für die Entwicklung von Fellen von großer Wichtigkeit ist. Sie wird in einer Urkunde der Liegenschaften der Landgrafschaft Hessen vom 7. November 1562 schon als uralt bezeichnet. Sebastian Münzer erwähnt in seiner „Cosmographia" 1598 die Grube „by sy Gewers Capelen". Den Steigern Johann Melchior Lang und Johann Lorenz Gros wurde am 16.10.1753 vom Landgraf Constantin von Hessen die Erlaubnis erteilt, „das uralte Bergwerk" im Brandswald zu betreiben, nachdem mit Hilfe des Berginspektors Unger ein neues Vorkommen in der Werlauer und Hungenrother Gemarkung entdeckt worden war. Nach dem Brauch der damaligen Zeit erhielt die Grube den Namen nach dem Landesfürsten, nämlich „Constantins Erzlust".

Wegen der guten Ergebnisse wurden im Gründelbachtal eine Schmelze und ein Pochwerk errichtet. 1765 waren im Gesamtbetrieb 120 Menschen beschäftigt, davon 64 Bergleute und -schmiede, 16 Scheidejungen und -mädchen, 15 Schmelzer und Fuhrknechte und 21 Pochwerker.


Die Geschichte des Stadtteiles Fellen beginnt erst im Jahre 1850 mit der Verlegung der gesamten Aufbereitungsanlagen der Grube „Gute Hoffnung" aus dem Gründelbachtal an den Hauptstollen am Prinzenstein. Dadurch wurden bis zu 350 Bergleute am neuen Grubenstandort in Fellen beschäftigt. 1872 erbaute der aus Daaden im Westerwald kommende Heinrich Mudersbach mit der „Erholung" als Casino für die Grubenbeamten das erste Haus in Fellen und erweiterte es 1900 mit einem Saalbau. 1906 wurde an der heutigen Alten Heerstraße ein Wohnhaus mit Schmiede errichtet, die heute als Sängerheim des Gemischten Chores „Frohsinn" dient.

Mit dem Ende des Krieges 1918 kam die französische Besatzung. Fellen wurde mehrere Jahre lang vom 17. Régiment du Génie aus Mainz belegt, das mit 1200 Mann zwischen Wellmich und dem linken Rheinufer aus Übungsgründen eine Pontonbrücke errichtete. Für ihre Unterkunft und Verpflegung wurden Baracken gebaut. Mit der im Jahre 1923 erfolgten Übernahme der Reichsbahn im linksrheinischen Rheinland durch die Régie française wurden für die Bahnübergänge aus Sicherheitsgründen Bewachungsmannschaften einquartiert. 


1928 wurde durch den Förster Bierling als Notstandsmaßnahme mit Hilfe von Arbeitslosen der Brandswaldweg von Fellen nach Werlau gebaut. 


Nach Abzug der französischen Besatzung bezog 1933 der Reichsarbeitsdienst mit 100 Mann die ehemalige Lederfabrik und erstellte den so genannten RAD-Weg vom Gründelbachtal nach Werlau. Im Jahre 1936 wurde zur Vermeidung der schienengleichen Bahnübergänge die spätere Bundesstraße 9 auf ihre heutige Trasse verlegt. An dieser neuen Straße erstellte der vom Hunsrück kommende Otto Leonhard im Jahre 1937 das Hotel Landsknecht, eine Tankstelle und eine Kfz-Werkstatt, die 1938 eröffnet wurden. 


Zur Unterbringung der Arbeiter und Angestellten der Grube „Gute Hoffnung" wurden 1938 insgesamt 16 Siedlungshäuser vom Gauheimstättenwerk der Deutschen Arbeitsfront erbaut. Im gleichen Jahr wurden die bis jetzt zur Gemeinde Werlau gehörenden Teile der Siedlung der Stadt St. Goar zugeschlagen. Im 2. Weltkrieg dienten die Baracken als Unterkunft für Kriegsgefangene.

Nach 1945 setzte eine starke Entwicklung der Siedlung ein, da in der Stadt St. Goar nur beschränkt Baugelände zur Verfügung stand. Viele Heimatvertriebene, vornehmlich aus dem Sudetenland, fanden in Fellen eine neue Heimat.

Das Kriegsende 1945 brachte auch die Einstellung der Arbeit in der Grube „Gute Hoffnung". Zwar wurde sie wieder leer gepumpt und noch einige Jahre weiter betrieben, doch 1962 gab man, bedingt durch die Einfuhr billigerer Erze aus Übersee, endgültig auf. Die Pumpen liefen noch 2 Jahre, doch dann ließ man die 400-jährige Grube absaufen. Ein wichtiges Kapitel mittelrheinischer Wirtschaftsgeschichte wurde beendet. Das im Jahre 1951 in Fellen angesiedelte Spannbetonwerk Rheintalwerke Basten AG, das Kaminaufsätze und Fertigkamine produzierte und in dem zeitweise bis zu 250 Mitarbeiter in Lohn und Brot standen, schloss im Jahr 1983 wieder seine Pforten. Es rentierte sich nicht mehr.


Mit dem Wachsen der Siedlung Fellen nach dem 2. Weltkrieg wurde in der Bevölkerung der Wunsch nach mehr Zusammenhalt und kultureller Betätigung laut. Am 18.4.1953 wurde daher der Männergesangverein „Frohsinn" gegründet, der sich nach 20 Jahren zu einem Gemischten Chor umbildete. Er ist nun seit einem halben Jahrhundert ein wichtiger Träger der dörflichen Gemeinschaft. Heute ist Fellen mit zwei vorzüglichen Hotel-Restaurants und einem Neubaugebiet ein am Rhein gelegener aufstrebender Stadtteil von St. Goar.


Quelle: Leopold Ensgraber – Fellen, Geschichte eines Ortsteils